Vom Fußball, Tavares und Kafka

Ganz Deutschland, ich vermute sogar weite Teile Europas, sind im EM-Fieber. So natürlich auch am 13. Juni. Es spielt Deutschland gegen die Niederlande und Portugal gegen Dänemark. Ein paar Tage zuvor hatte mich jemand gefragt, ob ich denn auch so fußballverrückt sei. Meine Antwort war relativ deutlich aber um es noch ein wenig plastischer zu gestalten: Ich bin dann – während Deutschland gespielt hat – zu der Lesung von Gonçalo M. Tavares gegangen.

Bisher sind nur zwei Bücher von Tavares in Deutsch erschienen: „Die Versehrten“ (2012 bei DVA) und der Kurzgeschichtenband „Wasser, Hund, Pferd, Kopf“ (2008 bei Der Apfel). Seit 2001 hat der Portugiese aber über dreißig Bücher veröffentlicht und kann somit guten Gewissens zu den Vielschreibern gezählt werden. Was hat Tavares also für mich so interessant gemacht? Zum einen ist es sicherlich seine Art zu schreiben, er schafft es mühelos eine beklemmende Atmosphäre zu kreieren, die er zumeist in einem perfekt geschlagenen Spannungsbogen, die ganze Geschichte hinweg aufrechterhalten kann. Zum anderen ist es der immer wieder aufgeführte Vergleich zu Frank Kafka.

Ich hatte erst ein paar Tage zuvor von Tavares‘ Lesung erfahren und mich mehr oder weniger spontan entschieden. Die Frankfurter Zentralbibliothek ist ein ausgezeichneter Ort für Lesungen, die Akustik ist super und das Ambiente lädt geradezu dazu ein, sich in Bücher zu vertiefen. Ein absoluter Vorteil an diesem Tag waren sicherlich die menschenleeren Straßen. Selten hatte ich die U-Bahn so leer erlebt und auch die Zeil war vom Besucheraufkommen vergleichbar mit einem regnerischen Feiertag. Ich bin kein großer Freund von Menschenmassen und so kamen mir diese Umstände sehr gelegen.

Trotz allem ist die Lesung sehr gut besucht. Zumeist sind die etwas rüstigeren Kaliber und Portugiesen vertreten. Von der Presse ist niemand da aber zumindest hatte die Frankfurter Rundschau einen Tag vorher darüber berichtetet. Ganz so schlecht kann es also um den Frankfurter Literaturbetrieb nicht stehen. Tavares selber drückt ebenfalls seine Freunde (oder eher Verwunderung?) darüber aus, dass am heutigen Tag so viele zu seiner Lesung erschienen sind. Er selber witzelt: „Heute ist wohl einer der schlechtesten Tage für einen portugiesischen Schriftsteller, eine Lesung in Deutschland zu halten. Schlimmer wäre es wohl nur noch, wenn Deutschland gegen Portugal spielen würde.“

Tatsächlich schien es ihn selbst weitaus mehr Überwindung gekostet zu haben, zu der Lesung zu erscheinen. Wie er selbst später erzählt, stand er als junger Mann vor der Entscheidung Profifußballer oder Mathematiker zu werden. Dass er am Ende keine dieser beiden Optionen wahrgenommen hat, freut mich natürlich umso mehr.

Neben Gonçalo M. Tavares sind noch zwei weitere Menschen mit zur Lesung angetreten. Als es dann mit dem eigentlichen Programm losgeht, sitzt zu seiner Linken ein Übersetzer und zu seiner Rechten ein Schauspieler, der dann schließlich die Passagen aus „Die Versehrten“ vorliest. Man möge mir verzeihen, dass ich die Namen der beiden nun nicht mehr im Kopf habe: Beide haben eine super Arbeit abgeliefert.

Nach dem Ende der Lesung – immerhin etwas über 1,5 Stunden – wechsele ich dann ein paar Worte mit Tavares und frage ihn, ob er denn mit dem Vergleich mit Kafka glücklich sei. Er sagt mir, dass es ihn natürlich ehre, mit einem so großen Schriftsteller verglichen zu werden, er könne aber keine große Ähnlichkeit erkennen. Seiner Meinung nach, die ich übrigens teile, ist eines der Hauptelemente in den Geschichten von Kafka, dass sich dessen Protagonisten meist in der Welt nicht zurechtfinden und oftmals verloren wirken. Wohingegen seine Charaktere meist sehr genau wissen, was um sie herum passiert und welches Ziel sie haben.

Auf dem Nachhauseweg habe ich dann noch ein wenig über Tavares nachgedacht. Ein netter, sehr bodenständiger Mann, der es weiß mit seinen Geschichten zu fesseln und mit jeder Pore seines Körpers Schriftsteller ist. Für mich war es ein sehr gelungener Abend und ich freue mich auf mehr Bücher des Portugiesen. Wobei es sehr wahrscheinlich ist, dass auch in Zukunft weitaus mehr seiner Geschichten in Englisch denn in Deutsch übersetzt werden. Als ich dann zuhause bin, schaue ich mir dann doch noch das Deutschlandspiel an, das meine Frau für mich aufgenommen hat. Ganz kann ich mich also doch nicht dem Fußball entziehen.

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